Nopegirl

Ja zum Leben, Nope zum Rest

„Endstation, bitte alle umdenken!“

Pam – die Tür fällt ins Schloss. Ich atme durch, schließe die Augen und warte ein paar Sekunden. Ja, es ist wirklich ganz ruhig um mich. Also so still es in einem Wiener Wohnhaus-Gang sein kann. Aber das reicht mir als Kontrast zu meinem Kopf. Dort ist es laut genug. Und ich, ich bin leer.

Solche Tage

Es ist einer dieser Tage, an dem alles zuviel scheint, jede Entscheidung schwer fällt und banales zu einer unüberwindbaren Herausforderung wird. So groß wie der Wäscheberg, der sich zuerst schmutzig und später ungebügelt mehr und mehr auftürmt. Nur mit viel Geschick schiebst du dich vorbei und lässt ihn physisch und geistig ohne schlechtem Gewissen links liegen. Gelingt nicht immer. Es sind solche Tage, an denen sich die Erstellung des Einkaufszettels wie eine Diplomarbeit anfühlt und die Frage nach deinen Plänen für den nächsten Tag ein absolutes Blackout hervorruft. 

Mittagspause

Sie kommt genau richtig. Die Pause von zwei bis drei Stunden, wo ich das Kleinkind in der Blüte seiner Autonomiephase bei der Schwiemu parken darf. (Danke!!!) Also los geht’s, ab in die City. Freiheit genießen. Lauf, Nopegirl, lauf!

Ok, weit bin ich nicht gekommen. Wer mag schon laufen – in Wien – im November? Eben. Das Ziel: Downtown. Mein Auto bleibt stehen, es muss sich von der Südosttangente erholen. Also bleibt die Frage, Bus oder Bim? Die Entscheidung wird mir abgenommen, denn der Bus rollt soeben in die Station. Yeah, ich verliere keine (Frei)Zeit. 

Take me for a Ride

Hops, hops, hinein und sogleich wieder hinaus. Echt jetzt? Im Bus bekomme ich keinen Fahrschein? Und was jetzt? „In einer U-Bahn-Station, in einer Trafik oder über die App können Sie einen Fahrschein kaufen. Tut mir Leid.“ Mir auch. Ok, ich hab den legalen Weg versucht. Hätte ich bloß nicht gefragt, ich naives Landei. Dann wird’s wohl doch die Bim. Und diesmal bin ich klüger. Oder zumindest ruhiger.

Raunz net

Einen Sitzplatz ergattert starre ich aus dem Fenster. An grauen Tagen ist Wien nicht schön. Oder ist es meine aktuelle Stimmung, die meine Wahrnehmung und somit das Stadtbild grau färbt. Maybe. Ich tippe auf meinem Handy herum, ein kurzer Chat mit einer Freundin. Vielleicht kann ich bei ihr meinen Frust loswerden. Oder vielleicht doch nicht: ihr erstes Kind hat Fieber und Kind Nummer zwei ist nach einem wiederholten Kamikaze-Sturz leicht lädiert. Nope, da haben meine Ein-Kind-Raunzereien gerade keinen Platz. Wie lächerlich.

Bim, Bam-bino

Währenddessen steigt eine junge Mutter mit ihrem Baby in die Bim. Was ist an dem Satz falsch? Alles. Viel mehr hievt sie gemeinsam mit einem zuvorkommenden Fahrgast den Kinderwagen in den Waggon. Allein ist das unmöglich. Die Mutter bedankt sich freundlich und der Fremde und sie beginnen daraufhin ein Gespräch. „Sie sind so süß in dem Alter. Ich weiß das nur von Freunden, ich hab zum Glück noch keine Kinder. Wie sind die Nächte?“ – „Anstrengend, aber sie sind so süß.“ – Ich muss bei dem Gesäusel genervt hochblicken. – „Mit 1,5 Jahren wird es besser. Hab ich gehört.“ – Ich ziehe meine Augenbrauen hoch und lache schmutzig in mich hinein. Mmmh, genau. Es fühlt sich ja gerade so viel besser an mit einem trotzigen Kleinkind.

Harte Schale … 

Ich betrachte den ihr und mir fremden, jungen Mann: Groß, dunkel gekleidet, schwere Schuhe. Hoodie, lange Dreads, fette Kopfhörer. Sein Shirt verrät, dass er Metal-Fan ist. Einer von der harten Sorte. Ich geniere mich ein bisschen dafür, dass ich von seiner Liebenswürdigkeit überrascht war. „Das ist so ein süßes Alter“, betont der kinderlose Kerl nochmal und wirft einen sehnsüchtigen Blick auf das kleine Geschöpf, eingepackt in Daune und Fleece. Ich muss schmunzeln. Harte Schale, flauschiger Kern. 

Der zweite Blick macht’s aus. Die Perspektive. Der Abstand. Alles ist relativ und von der Situation, von dem Moment abhängig. Was gerade noch grau war, glänzt im nächsten Moment silber. Was dich anstrengt und ermüdet, kann dich plötzlich unglaublich motivieren. Was dich nervt, geht vorbei. Was dich aufregt, wird lächerlich. Eine Endstation bewegt dich zum Richtungswechsel. Apropos. Ich muss hier raus. Umsteigen. Umdenken. Weitergehen.

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2 Kommentare

  1. So richtig aus dem Leben gegriffen! Herrlich zu lesen 😊

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