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Ja zum Leben, Nope zum Rest

Grießkoch fürs Herz

Wir kennen sie alle: die Gerichte, die eine bestimmte Erinnerung in uns wecken. Der Duft reicht aus, damit wir uns plötzlich in die Vergangenheit oder an einen bestimmten Ort versetzt fühlen: ob das Langos aus dem Freibad oder der Schweinsbraten von der Mama – es sind meistens schöne Erinnerungen, die uns durch die Nase mitten ins Herz gehen.

Mit meiner Oma verbinde ich ganz viele wunderbare Speisen. Ganz vorne: gefüllte Paprika mit Paradeissauce oder ihr großartiger Apfelstrudel – untrennbar verbunden mit der davor servierten „Zupfnockerl-Suppe“.

Aber auch ein viel weniger aufwändiges Nachkriegs-Gericht ist für mich auf ewig mit meiner Großmutter verbunden: das Grießkoch! Ob als Kind, als Teenager oder als Erwachsene: zum Grießkoch sagte ich nie nein. Im Gegenteil – ab und zu verlangte ich es. Und ich hatte Verstärkung, wenn meine Tante gleichzeitig zu Besuch war. Das waren herrliche Abende, die wir in Omas Küche verbrachten und gemeinsam warmes Grießkoch löffelten. „Drei Generationen an einem Tisch“ haben wir diese Momente genannt, als wir gemeinsam lachten und über das Leben philosophierten.

Löffel für Löffel

Und auch heute genieße ich die Zeit mit meiner Oma und einem Grießkoch. Ich esse dann aber keines, sondern führe den Brei Löffel für Löffel an ihren Mund. Wie ein kleines Vogerl reißt sie ihn auf, um das Grießkoch zu verdrücken. Nicht ohne jeden zweiten „Bissen“ mit einem kräftigen „mmmh, das ist aber gut“ oder „mmmh, das hast du aber gut gemacht“ zu kommentieren.

Ich habe es nicht gemacht und sie weiß auch nicht immer, wer ich bin. Aber das macht nichts. Sie merkt, dass ein Mensch bei ihr ist, der sie gern hat und den sie auch gern hat. Wer das nun genau ist? Egal. Namen sind nicht mehr wichtig. Wenn die Sinne nachlassen, zählen nur mehr Wärme, Herzlichkeit und Empathie.

Bei Oma daheim

Ich hatte bei meinen Großeltern ein zweites Zuhause. Mit der Zeit wurden die Treffen weniger. Aus dem einst täglichen Mittagessen nach der Schule wurden Wochenendbesuche, bei dem aufgekocht wurde. Bis auch das zuviel für meine Oma war. Und irgendwann war es dann normal, dass sie nicht mehr in den geliebten Garten ging oder dann später auch nicht mehr von ihrem Sessel aufstand. Doch der körperliche Verfall war schneller als der geistige. Noch im hohen Alter lieferte sie treffende Aussagen und gab Weisheiten von sich, die mich – 61 Jahre jünger – zum Nachdenken oder zum Lachen brachten. Heute sind zum Gespräch passende Kommentare eher die Seltenheit – dafür umso amüsanter und wertvoller. Bis vor kurzem verteilte sie noch Komplimente für einen schönen Schal oder freute sich ehrlich mit einem mit.

Nie werde ich ihre Reaktion vergessen, als ich ihr erzählte, dass ich Mama werde: „Na des g’freit mi für di!“ – sprudelte es trotz fortschreitender Demenz aus ihr heraus. Diese Aussage hatte alles: Liebe. Oder damals, als sie mich angerufen hat, als sie erfuhr, dass ich mich von meinem Ehemann getrennt hatte und mich ehrlich fragte, wie es mir geht. Ich wagte es damals nicht, sie anzurufen. Aber meine große Sorge, sie enttäuscht zu haben, war völlig unbegründet. „Aber geh“, sagte sie warmherzig und gefasst, „wenn es nicht passt, ist es besser so.“ Damals war sie 93.

Mittlerweile sind wir vier Generationen am Tisch und es berührt mich zutiefst, dass meine Oma auch eine Urli geworden ist und das noch wahrhaftig erlebt und gespürt hat. In vielerlei Hinsicht ist sie (m)ein Vorbild. Schon allein wegen ihrer unglaublichen Lebenskraft. Diese tolle und liebenswerte Frau hat mir über die vielen Jahre so viel gegeben. Umso mehr erfüllt es mich, wenn ich ihr ein wenig zurückgeben kann. War es früher ein selbst gemaltes Bild, ein Gedicht zum Geburtstag, ein Stück vom ersten selbst gebackenen Gugelhupf, so ist es heute ein Lächeln, eine sanfte Berührung der Hand und ein Löffel Grießkoch. „Mmmh“ … Wo sie recht hat, hat sie recht!

Oma, alles Gute zum 99. Geburtstag und alles Liebe für dein unglaubliches 100. Lebensjahr! Ich hab dich sehr lieb!

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6 Kommentare

  1. Oh, das hast du schön geschrieben!
    Unbekannter Weise alles, alles Gute deiner lieben Oma – was für ein hohes Alter! Das Talent zu den treffenden Aussagen und Weisheiten hast du wohl geerbt :-), welch wunderbare Eigenschaften…
    Alles Liebe euch, Cordi

  2. Wow, meine Augen glitzern gerade…

  3. Christine Rupprecht

    1. Dezember 2020 at 12:39

    Liebe Katrin, du hast so eine rührende Geschichte erzählt, die mich an meine Mutter erinnert und allein durch deine Gedanken hast du mir meinen Tag, in dieser oft so trostlosen Zeit, verschönert. LG Christine

    • nopegirl

      2. Dezember 2020 at 12:23

      Vielen lieben Dank, Christine, für deine Worte und den Kommentar hier! Es freut mich, dass dir die Erinnerungen den Tag verschönert haben! Alles Liebe und Gute dir und deinen Lieben.

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