Letztens in der Selbsthilfegruppe für Vollzeitmamas, Homeworker und unfreiwillige Frühpensionisten: „Hallo, mein Name ist Nopegirl und ich bin süchtig nach verbaler Kommunikation…“ – „Hallo Nopegirl, schön, dass du da bist!“

Süchtig nach verbaler Kommunikation

Ja, es ist wirklich so. Anders kann ich mir mein Verhalten nicht erklären. Ich bin wie die schrulligen, alten Damen, die im Supermarkt die Mitarbeiter an der Kassa in ein kurzes Gespräch verwickeln. „Schönes Wetter heute.“ – „Mmmh.“

Ich spreche auch schon mal wildfremde Menschen an. (Die Mitarbeiter an der Kassa der Supermärkte meines Vertrauens sind ja quasi alte Bekannte.) Ich schreibe ihnen auch. Den Wildfremden. So wie vorhin. Zufällig bin ich auf einen interessanten Blog-Beitrag gestoßen, der mich nicht nur inhaltlich angesprochen, sondern auch sehr amüsiert hat… Kurzes, lautes Auflachen war die Folge. Grund genug, mich für den Newsletter anzumelden und im Anschluss ein kurzes E-Mail zu verfassen, indem ich mich erkläre und Feedback gebe. Sprich, dass ich den gelesenen Blogartikel ansprechend fand und mich deshalb zum Newsletter… Ich glaub es ist klar. Ist doch nett von mir… oder völlig gaga?

Nett, die Schwester von…

Ich kann anderen Menschen einfach etwas Nettes sagen. Ihnen Komplimente machen und mich für etwas bedanken. Wie letztens, an der Kassa eines Reform-Bio-Geschäfts, das ich zum ersten Mal besuchte. (Gespräche an der Kassa dürfte mein Muster sein.) Da fiel mir auf, dass die Kassierin beim Scannen der Produkte die Reihenfolge bewusste so wählte, dass ich sie gut in meiner Einkaufstasche verstauen konnte, ohne etwas zu beschädigen. Also zuerst die schweren, sperrigen Sachen und zuletzt die filigranen. Ich fand das super und bedankte mich bei ihr. Sie sah mich überrascht an und meinte: „Das ist noch nie jemanden aufgefallen.“ Wir lächelten uns an und obendrein bekam ich das neueste Magazin des Hauses dazu gepackt. Win win.

Süßer Vorwand

Ich verschenke auch selbstgemachten Kuchen. „Mei, so nett“, denkst du dir jetzt womöglich, „soll nichts schlimmeres vorkommen.” Stimmt, denn meine Kuchen sind oft sehr gut. Ist ja nichts dabei. Ich beglücke ja nicht wildfremde Menschen damit. Ich kenn sie schon… meistens… flüchtig zumindest.

Vor ein paar Tagen zum Beispiel: Ich hab gebacken, da ich am Nachmittag Besuch erwartete. (Juhuuu, persönlicher Kontakt.) Der Besuch bestand aus meiner Quasi-Schwägerin und ihrem 2,5-jährigen Sohn, einem tüchtigen Kuchenesser. Die Bezeichnung Quasi-Schwägerin deshalb, weil ich keine Geschwister habe, also nicht wirklich verschwägert sein kann. Sie ist die Freundin von meinem Cousin und die Mutter meines Patenkindes. Diese Erklärung ist aber viel zu umständlich, deshalb kurz Quasi-Schwägerin.

Für diese zwei Familienmitglieder hab ich also einen Kuchen gebacken. Einen Orangenkuchen – sehr simple und nicht zu süß.* Optimal also für meine Quasi-Schwägerin plus Sohn. Obwohl meine 14-Monate-alte Tochter und ich brav mitgemampft haben, blieb natürlich noch genug übrig für den Rest der Familie. Eigentlich für meine gesamte Verwandtschaft, denn meine Familie ist nicht groß. Weder an Personen noch an Höhen(Zenti)meter. Tja, die waren aber nicht da, die anderen Verwandten. „Ooooohhhh.“ Vorgetäuschtes Raunen. Beim Abschied wanderte noch eine Wegzehrung in die Handtasche meiner Quasi-Schwägerin. „Für’s Frühstück“, hörte ich mich sagen. Das ist so ein Standardspruch beim „Kuchenmitgeben“, find’ ich. Obwohl man ja nicht davon ausgehen kann, dass jeder süß frühstückt. Oder überhaupt frühstückt. Aber das ist uns „Kuchenmitgebern“ in diesem Moment herzlich wurscht.

Orangenkuchen für alle

Aber was soll mit dem Rest des Kuchen passieren? Selbst essen? An das Kind verfüttern? Tagelang? Meine Tochter würd’ mitspielen, aber das ist keine Option.

Für die weitere Kuchenverteilung musste ich aktiv werden. Auserwählt hab ich eine liebe Freundin, der ich zwei Stück Kuchen an die Eingangstür hängte, und meine Lieblingsnachbarn. Insgeheim hab ich bei beiden Adressaten gehofft, dass ich sie zufällig bei der Übergabe antreffe, um einerseits in freundliche Gesichter zu schauen (Kuchenempfänger lächeln meistens) und mit ihnen ein paar Worte zu wechseln. „Wie geht’s denn so? Was gibt es Neues? Was passiert in deinem Leben? ERZÄHL MIR ETWAS! IRGENDWAS!…“

Einsam und doch nie allein

Ich lechze nach Ansprache! Nicht nach Anerkennung! AnSPRACHE. Verbale Kommunikation. Der Austausch mit Freunden ist im Moment sehr erfüllend. Beim Spazierengehen freu ich mich über eine kurze, wenn auch belanglose Konversation. Ja, selbst ein Anruf meiner eigenen Mutter ist an besonders stillen Tagen eine richtige Freude. Die Vorwürfe zwischen den Zeilen werden dabei einfach überhört. Das klappt an solchen Tagen echt gut.

Aber warum bin ich so ausgehungert nach Kommunikation? Das Warum liegt auf der Hand. Ich bin aktuell Vollzeitmama. Bei diesem Fulltime-Job bist du nie allein und trotzdem sehr einsam. Du verbringst viel Zeit mit dir und hast doch keine Zeit für dich. Du kommunizierst ununterbrochen mit deinem Kind, aber dabei geht es nie um dich. Schlecht? Nicht unbedingt. Ich glaube die Kunst ist es, sich als Neo-Mama nicht zu vergessen, aber sich gleichzeitig auch nicht so wichtig zu nehmen. Mit der neuen Zeitqualität während der Karenz geht jede Ein-Kind-Mutter anders um. (Eine Mehrfach-Mutter kennt diese Zeitqualität nicht mehr.) Ich für meinen Teil genieße den Freiraum rund um das Mama-Sein und fülle meinen Tag mit Kommunikation. Das tut mir gut. Ich gehe offen durchs Leben, bin wach und teile mich gerne mit. Ich höre zu und gebe im Optimalfall schlaue Antworten oder zumindest positive Vibes zurück, egal an wen. Ich schenke liebevolle Worte, weil ich sie auch selbst gerne höre, und verteile verbales Schulterklopfen. Auch mal eine Umarmung. Also in Form von Worten. Wildfremde Menschen umarme ich nicht. Noch nicht. Wenn es soweit ist, wird es Zeit für eine neue Selbsthilfegruppe… „Hallo, mein Name ist Nopegirl…“ – „Hallo Nopegirl! Schön, dass du da bist.“

Orangenkuchen
für ca. 8-12 Personen
  • 1-2 Orange(n), geviertelt, entkernt
  • 200 g Zucker
  • 100 ml Sonnenblumenöl
  • 3 Eier
  • 100 ml Milch
  • 250 g Mehl
  • 1 Pkg. Backpulver

Den Backofen auf 180 °C vorheizen. Die Orangenviertel, Zucker, Öl, Eier und Milch vermengen und zerkleinern. Bestenfalls in einer Küchenmaschine. Unter ständigem Rühren Mehl und Backpulver nach und nach hinzugeben. Eine Springform mit Butter einfetten, den Teig hineingeben und 35 bis 40 Minuten backen. Am besten in guter Gesellschaft genießen. Oder verschenken 😉

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