„Jeder hat seinen eigenen Rucksack zu tragen“… lautet eine bekannte Redewendung. Aber muss der bei mir auch tatsächlich immer dabei sein? Mit einem Mindestgewicht von 6 kg? Dabei hab ich ja immer nur die Basics dabei, oder?… Vielleicht ist es Mal Zeit, Ballast abzulegen und einfach die Leichtigkeit zu genießen. Ohne Zimmer, Kuchl, Kabinett“ im Handgepäck – das geht?

Die Luft ist stickig und aufgeheizt. Die Sonne knallt auf den Asphalt und bringt den Boden zum Glühen. Es ist heiß. Von einem Tag auf den anderen wurde es plötzlich so richtig heiß. Aber es tut gut, nach einem Mai, der eher einem Oktober als einem Wonnemonat glich, den Pullover zuhause zu lassen. Hab ich aber nicht. Ich habe trotz 30 Grad eine Weste in meiner Handtasche. Und ein zweites Paar Schuhe. Und etwas zu trinken. Und Taschentücher. Und natürlich das Basis-Trio Schlüssel/Handy/Geldbörse. Kein Wunder also, dass ich mich wieder mal abschleppe. Dabei wäre ich ausnahmsweise ohne Kind unterwegs. Ja, richtig gehört: Mama hat frei. Und Papa auch.

Frei

Mein Mann und ich sind in Wien verabredet. Zuerst essen, dann Konzert. Wie in alten Zeiten. Also nicht wie in so richtig alten Zeiten, denn da kannten wir uns noch nicht. Wir schlendern seit ziemlich genau vier Jahren gemeinsam durchs Leben. Und heute geht’s in die Stadthalle.

Ich reise öffentlich an, das heißt zuerst Railjet, dann U-Bahn. Ich freue mich darauf. Zugegeben, hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich mir einen kühleren Tag für mein Vorhaben ausgesucht. Aber gut. Die Band gibt den Ton an. Und somit den Tag, an dem sie in Wien gastiert.

Gewohnheit neu erlebt

Ich hatte gemischte Gefühle während der Fahrt. Der Weg, das Prozedere,… alles war mir so vertraut, da ich jahrelang täglich nach Wien gependelt bin. Und doch erlebte ich es als etwas Aufregendes und Neues. Neu war zum Beispiel, dass ich 20 Minuten vor Abfahrt am Bahnhof war. Ohne Schnappatmung und Zunge bis zum Boden. Früher absolut undenkbar.

Die Schritte Richtung U-Bahn setze ich ganz selbstverständlich, getragen von der Menschenmenge, die das nach wie vor jeden Tag macht. Neugierig betrachte ich die Leute um mich. Alle haben ihre eigenen Geschichten und Wege. Ich sauge alle Eindrücke wie ein Schwamm auf und mein Gedankenkino startet wie von selbst…

Film ab

Eine junge Frau an der Tür in einem leichten Sommerkleid und flachen Sandalen. Ihre leicht gewellten dunkelbraunen Haare fallen unbeschwert über ihre Schultern. Sie trägt einen Rucksack und kaum Make-up. Braucht sie auch nicht. Sie geht natürlich schön durchs Leben. Und dann durch die Gumpendorfer Straße.

In der Mitte des Waggons eine blonde Frau in einem schwarzen Businesskleid, hohen Schuhen und einer großen Handtasche. Mit Kopfhörern im Ohr tippt sie konzentriert auf ihrem Handy herum. Sie sieht nicht auf, wo sie ist. Sie weiß genau wann sie aussteigen muss. Und was sie noch von unterwegs für ihre Arbeit erledigen kann. Die Schuhe betrachtend freue ich mich für sie, dass die aktuelle Mode Blockabsätze als schick vorgibt und somit die Frauenfüße etwas entlastet, ohne an Eleganz zu verlieren.

Daneben eine Frau in Birkenstock-Schlapfen. Sie hat sich für die bequeme Variante entschieden. Dank Heidi Klum sind die Hausschuhe meiner Schulzeit nun cool. Damals waren sie es nicht. Die alten Zeiten waren nicht immer besser.

Mein Blick streift weiter. Zu meinem Gegenüber. Ein älterer Mann mit weißem Haar und frechem Gesicht. Aber er blickt nicht witzig drein. Eher ängstlich, wie er sein Jausensackerl verkrampft an sich krallt. Keine Sorge, ich bin zum Essen verabredet und nehme es Ihnen bestimmt nicht weg, flüstere ich ihm in Gedanken zu und schenke ihm und seinem Strohhut ein unaufdringliches Lächeln.

Burggasse/Stadthalle

Ich muss aussteigen. Auch dieser Ort ist mir vertraut. Während meinem Praktikum bin ich hier täglich raus. Und auch später kam ich hier oft vorbei. Es war eine aufregende Zeit. Aber nicht immer einfach für mich. Ich fühlte mich damals irgendwie eingeschränkt, unsicher und fehl am Platz. Ich war schon damals neugierig, hatte aber Scheuklappen auf und wusste noch nicht, wie ich sie abnehmen kann. Ich schicke eine liebevolle Erinnerung an meine alten Denkmuster und freu mich für mein jüngeres Ich, dass es noch so viel Schönes erleben wird… Also ich. Zum Beispiel ein Kind bekommen… Dann lache ich über mich selbst – ich bin gerade Mal eine Stunde von meinem Kind entfernt, aber eben nur räumlich. Im Herzen ist mein Schatz immer bei mir. So wie…

Zimmer, Kuchl, Kabinett

Das fasst meinen Standard-Tascheninhalt ziemlich gut zusammen. Warum muss ich auch immer so viel mitschleppen? Kopfschüttelnd haste ich die Stufen hoch, obwohl ich noch Zeit bis zum vereinbarten Treffpunkt habe. Eindeutig Macht der Gewohnheit.

Ich suche eine Bank und steuere auf den ersten freien Sitzplatz zu. Der Teenie, neben dem ich Platz nehme, bemerkt mich gar nicht. Rasch starte ich die Verwandlung. Ich löse mein Haarband, schüttle mein Haar, schlüpfe aus meinen Turnschuhen und packe meine Heels aus. Frau hat schließlich ein Date. Die ersten Schritte sind noch etwas unbeholfen, vor allem mit dem ungleich verteiltem Gewicht in ungewohnten Höhen. – Hi Sexy! – Der Ärger über die zu schwere Handtasche ist bei der Begrüßung meines Mannes schlagartig verschwunden.

Raritäten sind kostbar

Wir spüren Sommer, Freiheit und Unbeschwertheit. Wir genießen das. Die Momente, wo wir beide gleichzeitig und miteinander loslassen sind selten, aber dafür umso kostbarer und besonders.

Genauso wie das Erlebnis, die Band des Abends live zu sehen. Fans warten bereits über 13 Jahre auf ein neues Album und dürsten nach den raren Konzerten, zu denen sich die Künstler ab und zu formieren. Und genau deshalb fügt sich das Publikum andächtig den strengen Regeln der Musiker – keine großen Handtaschen, keine Handys. Bei mir nicht ganz ohne Widerrede. Hallo? Was mach ich bitte ohne Zimmer, Kuchl, Kabinett?

Ich staune. Ich staune über eine ganz besondere Atmosphäre, die während des Konzerts entsteht. Selbst die härtesten Rocker haben während der Performance glänzende Augen, blicken gebannt auf die Bühne und genießen jeden Moment ohne störende Handybildschirme in Augenhöhe. Das tut gut.

Und ich bin der Band auch nicht böse wegen dem Zwang zum leichten Gepäck. Im Gegenteil: Ich sag danke für die gewonnene Leichtigkeit und den unbeschwerten Fokus aufs Wesentliche. Ballast ablegen tat mir gut. Und meinem Rücken. Prädikat wiederholbar. Das nächste Mal FREI-willig.

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